Das wird man ja wohl noch sagen dürfen
Shownotes
Was vor ein paar Jahren als Tabuthema galt, sei heute salonfähig, hört man oft. Aber stimmt das? Gesellschaftsredakteurin Antje Lang-Lendorff erzählt Sophie Fichtner von ihrem Besuch im Friseur "SalonFähig" und erklärt, was sich in der Gesellschaft verschoben hat.
Reporter Philipp Brandstädter war bei einer Operation am Gehirn dabei. Was er dabei über unser Gedächtnis gelernt hat und warum unser Gehirn Märchen erzählt, darum geht es im zweiten Teil dieser Folge.
📖 Zu den Texten aus der wochentaz vom 11.07.2026
- Die Suche nach der Schnittmenge, von Antje Lang-Lendorff
- Den richtigen Nerv treffen, von Philipp Brandstädter
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Transkript anzeigen
00:00:01: Hi, das ist Reingehen der Podcast der Wochentags.
00:00:05: Hier besprechen wir jede Woche zwei Artikel aus der aktuellen Ausgabe zusammen mit den Autorinnen.
00:00:11: Diesmal geht es in beiden Geschichten darum dass wir zwar alle in der gleichen Welt leben sie aber ganz unterschiedlich wahrnehmen.
00:00:19: Zuerst sprechen wir darüber wie sich die Grenzen des Sackbarn verschieben und warum heute Meinungen salonfähig sind die früher unsagbar waren.
00:00:28: Und wir wagen einen Blick in ein OP-Saal, wo unser Reporter bei einer Hirnoperation dabei war.
00:00:34: Er erklärt, warum wir uns unterschiedlich an Dinge erinnern.
00:00:38: Ich bin Sophie Fichtner und schönen dass ihr dabei seid!
00:00:44: Oft hört man was gesagt werden darf verschiebt sich immer weiter.
00:00:48: das früher ein Tabu war wird heute ohne schlechtes Gewissen rausgetrötet.
00:00:54: Antje Lang Lehndorf ist Redakteurin im Gesellschaftsteam unserer Wochentat und hat sich der Frage gewidmet Was ist heute noch salonfähig?
00:01:02: Auf der Suche nach einer Antwort hat sie einen Tag in einem Friseur-Salon verbracht, der ausgerechnet den Namen Salonfähig trägt.
00:01:10: Hallo Ancher!
00:01:10: Wie schön, dass du wieder hier bist.
00:01:12: Hallo!
00:01:14: Was bedeutet denn salonfähig überhaupt?
00:01:17: Ja das ist ein interessantes Wort.
00:01:19: Das geht eigentlich auf die Salonkultur des Adels zurück und im achtzenden und neunzehnten Jahrhundert haben bürgerliche Kreise dann diese Salonkultur übernommen.
00:01:30: D.h.,
00:01:30: da haben sich künstlerisch interessierte Bildungsbürgerinnen getroffen und Lesungen gemacht, Konzerte, Diskussionen.
00:01:37: in so privaten Salons haben die sich getroffen.
00:01:40: Sowas wurde dann häufig auch von Frauen ausgerichtet.
00:01:43: Und was da so üblich war das galt als salonfähig.
00:01:47: Tatsächlich würde ich sagen dass bis heute dieses Bildungs- bürgerliche dieses leicht elitäre in diesem Wort schon noch mitklingt.
00:01:55: Du warst in Amberg unterwegs, für deine Recherche.
00:01:58: Dort ist dieser Salon fähig?
00:02:00: Was ist das denn für ein Städtchen?
00:02:01: Was sind da für Menschen in den Salon
00:02:04: reingelaufen?".
00:02:05: Ja, Amberg ist eine eher kleinere Stadt.
00:02:07: Da leben ungefähr forty-thausend Menschen.
00:02:11: Alte und junger.
00:02:12: Amberg hat eine Hochschule – die ausbarische technische Hochschulle.
00:02:15: Deswegen gibt es da auch Studierende.
00:02:17: Das ist eine relativ wohlhabende Stadt.
00:02:18: der größte Arbeitgeber ist Siemens.
00:02:21: Viele Leute da haben ein Haus, ein Auto, einen Auskommen.
00:02:25: Seit den Zehnerjahren sind auch durchaus einige Migranten hinzugezogen.
00:02:30: Beflüchtete der Aushänderanderteile ist ein bisschen höher geworden in der Zeit also deutlich höher liegt aber immer noch unter dem Schnitt.
00:02:37: und im Salon würde ich sagen das ist eine totale Mischung.
00:02:40: Da kommen Rentnerinnen Studierende.
00:02:44: Der Friseur hat auch ein Rabatt für Leute in Ausbildung.
00:02:46: deswegen kommt er auch durchaus junge Leute hin.
00:02:49: Akademiker Nicht Akademiker, das geht quer Beet.
00:02:53: Das fand ich eigentlich ganz schön für mein Experiment.
00:02:57: Ja.
00:02:58: Du saßt dann diesen Tag über daneben als er die Haare geschnitten hat.
00:03:03: hast den Gesprächen gelauscht.
00:03:04: was haben die Menschen so erzählt?
00:03:07: Hatt dich da eine Kundin besonders beeindruckt oder nachhaltig ist es dir wo du dachtest okay das war irgendwie es hast du nicht erwartet.
00:03:17: Was haben diese menschen so erzählt?
00:03:19: Es war sehr interessant zu hören, was sie so beschäftigt.
00:03:22: Die einen haben über das Altstadtfest geredet und gesagt dass da wieder nur Techno gespielt würde vor der Tür und dann hat die das gestört.
00:03:29: andere, dass die Fahrradfahrer zu schnell fahren und die alten Leute umfahren.
00:03:33: also so ganz alltägliches.
00:03:35: es kam aber durchaus auch politische Sachen.
00:03:37: Was mich schon überrascht hat ist, dass bei sehr vielen so einer Unzufriedenheit durchklang Also eigentlich bei fast allen mit der politischen Lage.
00:03:46: So wirklich überrasacht hat's mich nicht Aber zwar doch sehr deutlich Immer wieder.
00:03:49: und eine Kundin hat auch sehr klare Worte gefunden, die hat auch gleich am Anfang gesagt.
00:03:54: Ich nehm kein Blatt vor den Mund ist mir egal was sie Leute denken.
00:03:57: Sie hat dann auch schon so Sachen gesagt.
00:03:59: gegen Ausländer die Deutschland und hier arbeiten habe ich nix nur gegen die die Deutschland auf der Tasche liegen und ein bisschen später auch.
00:04:07: eigentlich sollte man um Deutschland eine Mauer bauen wie damals in der DDR.
00:04:13: Das konnte ich gar nicht ganz glauben.
00:04:14: der Friseur war auch ein bisschen buff Und dann hab ich halt gefragt, ob sie das denn ernst meint.
00:04:18: Dann lachse sie nur und meinte, dass es Sarkasmus.
00:04:22: Also, das blieb so ein bisschen in der Schwebe wie sie das eigentlich meinte aber da waren schon deutliche Äußerungen dabei.
00:04:30: Du hast gesagt, eigentlich ist Anberg-Januar ein wohlhabenderes Städtchen oder den Meschen geht's gut?
00:04:36: Und trotzdem sind die irgendwie so frustriert und einer hat sich auch beschwert, dass irgendwie der Döner jetzt nicht mehr schmeckt.
00:04:43: Wieso kam es trotzdem so raus?
00:04:45: Hattest du das Gefühl was...
00:04:47: Es gibt halt insgesamt gerade wirklich eine große Unzufriedenheit mit der Lage.
00:04:51: Das hängt sicherlich mit der wirtschaftlichen Situation zusammen, dieses alte Aufstiegsversprechen gilt nicht mehr.
00:04:58: Man hat auch nicht mehr das Gefühl es geht vorwärts sondern man hat eher Sorge.
00:05:03: bleibt's denn so?
00:05:04: Der bleibt der Wohlstand wie wir ihn haben.
00:05:08: Man muss ja auch sagen dass mit der Pandemie, mit der Klimakrise, mit Kriegen da wirkt die deutsche Bundesregierung in Teilen ziemlich ohnmächtig.
00:05:17: Das kommt so ein über uns.
00:05:19: Die Welt ist sozusagen etwas unberechenbar geworden und ich glaube, wenn dann auch Entscheidungen hierzulande fragwürdig sind, sowas wie die Krankschreibung am ersten Arbeitstag oder ... Wenn der Döner nicht mehr schmeckt, wenn Dinge hier nicht klappen, dann ist der Frust relativ schnell groß und er wird ja bedient.
00:05:43: Krankheitstag, der Krimscher im ersten Tag gerade ganz aktuell was du hier reingebracht hast.
00:05:49: In deinem Text versuchst du auch das näher zu verstehen oder dem Näher zu kommen indem du das Modell des Overton Fensters beschreibst?
00:05:59: Was genau steckt dahinter?
00:06:00: wie funktioniert dieses Modell?
00:06:02: Ja dieses Model hat sich ein US-amerikanischer Politikberater ausgedacht Das heißt auch nach ihm Joseph Overton und er sagt, dass es einen Rahmen gibt von Ideen die gesellschaftlich akzeptiert sind.
00:06:15: Und diesen Rahmen nannte dieses Fenster.
00:06:19: man kann das vielleicht ein anderem Beispiel ganz gut beschreiben.
00:06:23: Früher war ja Homosexualität verboten auch in Deutschland sehr lange.
00:06:27: Es wurde aber gesellschaftliche immer akzeptierter.
00:06:29: Das heißt der Rahmen das Fenster hat sich verschoben.
00:06:34: Die Gesellschaft war liberaler als die Gesetzgebung Und als wir sind, wurde dann der Paragrafhundertfünfundsiebzig endlich gestrichen.
00:06:43: Dann gab es weitere Liberalisierungen und das führte dazu dass sich das Fenster weiter verschoben hat und man konnte sogar die Ehe für alle eingeführt werden nach einer Zeit also.
00:06:53: das beschreibt ganz gut was dieses Fenster eigentlich meint.
00:06:57: Früher hatten die Menschen auch viel mehr eine gemeinsame Wirklichkeit.
00:07:02: darüber denke ich oft nach unterschiedlichen Algorithmen, durch die wir jetzt so scrollen.
00:07:10: Viele andere Dinge mitbekommen.
00:07:13: Es gab früher dieses ein Radio was man gehört hat.
00:07:16: abends wurde die Tagesschau geguckt und alle haben so die gleichen Nachrichteninhalte mit bekommen.
00:07:21: heute ist das viel diverser durch Social Media oder?
00:07:24: Und wir stecken alle so in unser eigenem Bubble.
00:07:27: Das würde ich auch sagen.
00:07:28: auf jeden Fall.
00:07:29: dass habe Ich auch in dem Salon bemerkt.
00:07:32: ich hab die Leute auch gefragt wie sie eigentlich Woher sie ihre Nachrichten bekommen und die wenigsten schauen noch ganz normal nachrichten oder so.
00:07:42: Viele kapseln sich ganz ab, denen ist das alles zu negativ und zu belastend.
00:07:47: Jüngere Leute kommen eher über TikTok oder Instagram mit Infos in Kontakt oder über Podcast also das Gefühl dass es dann auch irgendwie eine gemeinsame Plattform gibt über die man sich irgendwie verständigt.
00:08:01: Also diesen Eindruck hatte ich wirklich auch in dem Salon nicht.
00:08:04: Und das macht natürlich was mit einer Gesellschaft.
00:08:07: Eine Soziologin, die türkisch-US-amerikanische Soziologen Zeynep Tufeksi hat es schon im Wahlkampf, der ist Trump ja das erste Mal angetreten in den USA und sie hat sich da bei Twitter umgeschaut und hat dann festgestellt, was für eine komplett andere Wirklichkeit das ist, was die Trump-Fans eigentlich haben im Vergleich zu dem, was sie erlebt?
00:08:30: wenn sie ein klassischer Zeitum entliest.
00:08:33: Und sie ist dann zu dem ziemlich bitteren Schluss gekommen, dass dieses Overton-Fenster zerbrochen sei.
00:08:40: Es gebe keine gemeinsame Fenster mehr.
00:08:44: Ich finde diese Analyse ziemlich heftig weil das würde ja bedeuten, dass man sich überhaupt nicht mehr austauschen kann, wenn man gar nichts gemeinsam was hat.
00:08:54: Es ist ja nicht mehr so, dass es kein Fenster gibt.
00:08:56: Es gibt nur einfach sehr viele verschiedene Fenster, die ziemlich auseinander gerückt sind teilweise.
00:09:02: In dem Salon waren schon Leute, die so Ressentiments auch geäußert haben aber da waren durchaus auch zum Beispiel eine Studierende, die gesagt hat das sie den Eindruck hat, dass er der Druck von links zunimmt in ihrem Freundeskreis, dass das für manche da schon fast ne Art Religion sei und dass sie da ständig überrieben würden.
00:09:20: Das ist ja eine ganz andere Wirklichkeit, als wenn die Frau schimpft das Auslein der Deutschen auf der Tasche liegen.
00:09:27: Also, dass diese Fenster einfach sehr unterschiedlich sind inzwischen so wie du es eigentlich auch beschrieben hast.
00:09:33: Ja jetzt stehe ich mir so ne Wand vor wo ganz viele Fenster drin sind und wir gucken alle durch ein anderes Fenster und deshalb irgendwie auch unterschiedlich in die Welt.
00:09:41: Das stimmt!
00:09:43: Wobei man schon überlegen kann, gibt's denn nicht eigentlich noch irgendwie eine Art von Schnittmenge?
00:09:48: Gibt es doch noch irgendwas was uns verbindet.
00:09:51: Hattest du da in Anberg bei dem Friseur den Eindruck wo hatten die Menschen noch einen gemeinsamen Nenner?
00:09:57: Also ich würde sagen nachdem was sich da so gehört habe am ehesten das demokratische System an sich.
00:10:03: Das hat da keiner an dem Tag infrage gestellt.
00:10:05: Die haben auf die aktuelle Politik geschimpft Aber sie haben nicht hinterfragt, dass wir in einem demokratischen System leben und das entspricht tatsächlich auch einer Studie der Bertelsmann Stiftung.
00:10:16: Das ist nämlich zweiundachtzig Prozent der Deutschen sehr wohl das demokratische System an sich gut heißen wenngleich die auch häufig unzufrieden sind mit politischen Entscheidungen.
00:10:28: Okay, machen können wir uns darauf irgendwie noch einigen, dass Wir dieses demokratische system beibehalten wollen?
00:10:34: Wir haben ja jetzt gerade eben noch über Schnittmengen gespielt und ich glaube was schon auch eine Schnittmenge ist, ist zum Beispiel der Frisörsalon.
00:10:41: Weil da kommen alle Leute hin und tauschen sich mit dem Herrn Cepka aus.
00:10:46: Und das sind Orte der Begegnung die wir brauchen.
00:10:48: wenn wir sonst viel in unseren Blasen im Internet hängen dann ist es ja total gut wenn es dann auch einfach analoge echte Orte gibt wo man sich begegnet wo auch Leute mit verschiedenen Meinungen dann sind.
00:10:59: der Bernd Schäbker hält auch nicht hinterm Berg, also der sagt auch Nazis kommen wir nicht in Salon.
00:11:03: Also er sagt doch mal was dagegen wenn ihm was nicht passt?
00:11:06: Wenn man sich aber lange kennt, der hat ja viele Stammkunden dann kann man das auch aushalten und da begegnet man sich vielleicht anders als wenn man sich nur im Internet trifft und sich dann ganz schnell beschimpft.
00:11:19: Das ist ja oft die Lösung dass man sich im analogen Leben noch irgendwie treffen muss und austauschen muss und immer diese Orte weiterhin Geben wird auch Wien Friseur, wir können uns im Internet nicht die Haare schneiden lassen.
00:11:30: Nö!
00:11:32: Ja, Darker Antje das war sehr aufschlussreich mit dir zu sprechen über was salonfähig ist und wie sich dieses Fenster durch das wir alle gucken verschiebt.
00:11:43: Ich werde jetzt noch mit dir etwas auspacken, was du hoffentlich noch nicht kennst weil das Ding der Woche wird ja immer ausgesucht vom Gesellschafts-Team der Wochenteils indem Du ein großer Teil bist.
00:11:54: deswegen
00:11:55: Aber die andere Hoffnung ist von mir geheim gehalten.
00:11:57: Insofern ich weiß nicht, worum es geht und ich war auch sehr in dem Tunnel meiner Geschichte.
00:12:01: Ich habe nichts mitgekriegt.
00:12:03: Okay, sehr gut!
00:12:06: Das Ding der Woche
00:12:08: Wir machen das diese Woche digital weil wir leider nicht in einem Raum sitzen Und ich schicke jetzt den mal hier in unserem Chat und dann kannst du's sehen.
00:12:19: Oh, dass is wohl ein Stein Richtig?
00:12:23: Ein
00:12:24: Stein aber ein besonderes... Nein, nicht ganz
00:12:27: Nee, der hat irgendwie so eine ganz eigenartige Form.
00:12:35: Und ein Glanz?
00:12:36: Ja, der glänzt!
00:12:37: Das ist bestimmt ein wertvoller Stein.
00:12:39: Das stimmt.
00:12:40: Es ist ein Stück Steinkohle und es steht quasi für das letzte Stück Steinkohle, dass in Deutschland gefördert wurde.
00:12:51: Das war schon im Jahr zwei Tausend achtzehn, aber es wird jetzt ausgestellt und zwar im Haus der Geschichte in Bonn.
00:12:58: Und unser Bundespräsident Steinmeier übergibt jetzt dieses Stück Steinkohle an dieses Museum, und Steinkohl ist over!
00:13:06: Aber das finde ich auch ein bisschen irreführend weil Deutschland fördert zwar keine Steinkolle mehr und das ist das letzte Stück aber wir importieren ja total viel Steink Kohle.
00:13:17: Das stimmt trotzdem es ist doch ganz schön.
00:13:19: wenn diese Dinge schon ins Museum rücken werden sie musealisiert werden.
00:13:24: Du hast allerdings recht, dass es vielleicht ein bisschen nur halb die halbe Wahrheit.
00:13:29: Es ist nur die halben Wahrheit ja aber trotzdem vielleicht wird es irgendwann mehr Stück Steinkohle auch in anderen Ländern geben im Museum damit wir uns daran erinnern.
00:13:38: Aber ich glaube das sieht noch einen weiter Zukunft!
00:13:41: Danke, dass du hier warst Anche und mal wieder zu Gast wars bei Reingehen.
00:13:45: Ich freue mich schon aufs nächste Mal.
00:13:47: Ja danke auch hat Spaß gemacht Tschüss Sophie.
00:13:57: Hallo mein Name ist Gabi Koldewal Und ich betreue den Auslands-Rechercherfonds, den Förderverein der TATS-Auslandsredaktion.
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00:14:08: Unterstütze den Rechercherfond für kritische Berichterstattung!
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00:14:16: Alle Infos dazu findest du auf www.tats.de/.auslandsrecherche.
00:14:24: Wie funktioniert eigentlich unser Gedächtnis?
00:14:27: Mit dieser Frage hat sich Philipp Brandstädter beschäftigt.
00:14:30: Er ist freier Autor und war bei einer Hirnoperation live dabei.
00:14:35: Die Operation wurde bei einer Frau, die Epilepsie hat durchgeführt soll aber auch der Allgemeinenhinforschung dienen.
00:14:42: Es geht nämlich um die sehr große Frage ob und wie wir vielleicht beeinflussen können das wir vergessen und woran wir uns erinnern.
00:14:51: Hi Philipp ich freue mich dass wir jetzt darüber sprechen.
00:14:53: schönest du da bist!
00:14:54: Na so viel, ich freu mich.
00:14:55: ja auch
00:14:56: Du warst live bei einer Hirnooperation dabei?
00:14:59: Ich will erst einmal wissen, wurde dir spinnlig.
00:15:01: Hast du das ausgehalten?
00:15:02: Ja da hatte ich auch ziemlich Sorge davor dass ich irgendwann wegkippte oder so.
00:15:06: aber ich konnte mich quasi hinter meinem Job ganz gut verstecken und habe einfach Fotos gemacht und haben mich der Professionellität ergeben und dann hat es eigentlich ganz gut funktioniert.
00:15:17: Diese Hirnoperation bei der du jetzt warst wird bei Epileptikern durchgeführt.
00:15:23: Kannst du mir erstmal klären was ist denn ein epileptischer Anfall?
00:15:28: Mit unserem Gehirn ist das ja so ein bisschen kompliziert, ne?
00:15:31: Wenn man da jetzt versucht irgendwie in den Biologieunterricht schon früher reinzugehen.
00:15:35: Wir haben so knapp einhundert Milliarden Nervenzellen in unserem Kopf die irgendwie miteinander verbunden sind und funken.
00:15:42: sie übertragen Reize mit elektrischen Signalen sage ich mal von Zelle zu Zelle Und dass dann auch noch über chemische Bodenstoffe.
00:15:49: dies und das also es wirklich kompliziert.
00:15:51: Bei einem epileptischen Anfall jedenfalls ist diese elektrischer Aktivität im gehörten gestört.
00:15:57: Normalerweise arbeiten die Nervenzellen, wie gesagt mal geordnet zusammen und während eines Anfalls entladen sich viele Nervenzählen gleichzeitig und unkontrolliert.
00:16:07: Und das führt dann zu den verschiedenen und vielleicht bekannten Symptomen dass die Menschen umfallen oder krampfen sich bei so einem Anfall verletzen können und darüber hinaus wird auch noch ihr Gedächtnis in Mitleidenschaft gezogen.
00:16:20: Diese Operation was ist denn genau das Ziel davon?
00:16:23: Ja also auf dieser Epilepsie Klinik am Unikonbus in Bonn liegen Menschen mit schweren Fällen von Epilepsie.
00:16:30: Das sind also Leute, wo Medikamente und andere Therapien nicht mehr wirken.
00:16:35: Und für solche Härtefälle gibt es noch eine Option.
00:16:38: Wenn man jetzt herausfindet, wo genau sich diese Anfälle im Gehirn abspielen, dann kann man diese Stelle behandeln.
00:16:45: Jetzt muss man diese Stelle im Gehör aber erst mal finden – dafür ist die OP da!
00:16:49: Es werden also brachial gesagt mehrere Löcher in den Schädel gebohrt und Elektroden in das Gehirn gefädelt, die dann im Gehirnen die Anfälle messen sollen.
00:17:01: Wenn so eine Elektrode dann im Kopf reagiert und einen Anfall misst, kann man dieses Gewebe verorten und zerstören.
00:17:08: Da wird quasi mit Wechselstrom durch die Elektroda hindurch ein Hitzeimpuls geschickt und die Stelle wird verurdet.
00:17:15: Man könnte es jetzt auch ganz simpel ausdrücken.
00:17:17: Erst wird die böse Stelle aufgespießt und dann wird sie gebraten.
00:17:21: Da warst du dabei, als es quasi dann gebraten wurde?
00:17:24: Da war ich auch tatsächlich dabei.
00:17:26: Das war die weitere OP.
00:17:28: Die Person, die ich da besucht habe, war bei vollem Bewusstsein und ja... Man konnte beobachten und zuhören wie es in ihrem Kopf zischt und ploppt und wie die Elektroden irgendwas in ihrem Gehirn machen.
00:17:41: Es war eine wilde, weirde Erfahrung!
00:17:46: Ist ganz schön krass was der Medizin heute alles kann.
00:17:50: Was wissen wir denn bisher überhaupt über unser Gehirn?
00:17:53: Ja, also schon viel könnte man sagen aber gleichzeitig im Vergleich zum den Kändestadt über andere Organe wieder relativ wenig.
00:18:02: Man hat viel über die Hirnregionen herausgefunden.
00:18:06: vielleicht sind da irgendwie so Begriffe wie Hypokampus und Amygdala und Frontalappen und sowas ein Begriff.
00:18:12: das hat man heraus gefunden indem man tote Hirne zerlegt und unter die Lupe genommen hat.
00:18:17: Aber so lässt sich natürlich nicht messen wie jetzt ein lebendes Gehirn arbeitet.
00:18:21: Das kann man dann über andere Messmethoden herausfinden, wie über EEGs oder MRTs.
00:18:27: aber auch dann ist immer noch unsere Schädeldecke im Weg.
00:18:31: und wer hat jetzt schon Bock sich ein paar Löcher in den Kopf bohren zu lassen damit die Hirnforscher da genauer reingucken können?
00:18:37: In der Epilepsie-Klinik ist genau das möglich.
00:18:39: dort haben die Patienten ja schon ihre Drähte im Kopf also können sie auch die Grundlagenforschung unterstützen.
00:18:45: Was jetzt der Hörnforscher Florian Wormann, den ich besucht habe genau will ist mehr über das sogenannte Konzept Neuroen herauszufinden.
00:18:55: Das wurde vor zwanzig Jahren erstmals entdeckt als einem Patienten mehrere Bilder gezeigt wurden und dabei geschaut wurde was die Elektroden in seinem Gehirn messen.
00:19:05: Und dort fiel den Forscher auf dass eine Nervenzelle mit Kontakt zu einer Elektrode reagiert hat und zwar ausschließlich dann wenn dem Patienten ein Bild von Jennifer Aniston gezeigt wurde.
00:19:15: Bei allen anderen Fotos blieb diese Nervenzelle stumm.
00:19:18: Die Forscher leiteten daraus jetzt ab, dass es offenbar Neurone in unserem Kopf gibt die ausschließlich dafür da sind zum Beispiel eine Schauspielerin wieder zu erkennen.
00:19:28: und seitdem werden diese Testreihen eben in diesen zwanzig Jahren fortgeführt um einerseits die These zu bestätigen und auch um die sogenannte semantische Breite der Konzeptneurone zu ermitteln.
00:19:40: Das bedeutet... Semantische
00:19:42: Breite, das musst du mir jetzt noch mal erklären.
00:19:44: Ja, also semantische breite ist quasi man will wissen worauf so eine Zelle denn nun alles reagiert.
00:19:50: wenn wir jetzt nämlich zum Beispiel die Jennifer Aniston Nervenzelle hernehmen dann ist die Frage reagiert sie nur auf Fotos von ihr oder auf eine Zeichnung von ihr?
00:19:59: könnte die Zelle auch auf den Schriftzug ihres Namens reagieren oder vielleicht auf die Titel Melodie von Friends.
00:20:06: Das heißt wir haben zellen In unserem Hirn, die genau für alle möglichen Personen und Ereignisse ist eine zädle zuständig.
00:20:16: Ich habe dann also auch vielleicht nicht nur eine für Jennifer Inniston sondern auch für dich wenn ich dich in der Tat sehe.
00:20:22: Ganz genau!
00:20:23: Das wurde früher mal als so die Theorie des Großmutter Neurons benannt was unter den Hürrenforschenden auch viel belächelt und als Quatsch abgetan wurde.
00:20:33: aber mittlerweile scheint es wohl doch nahezu Ding dass das der Fall ist, dass es genau das gibt
00:20:38: beeindruckend.
00:20:40: Und was haben wir innerhalb der letzten zwanzig Jahre dann noch über die Konzeptneuronen erfahren?
00:20:45: Also, was aufgrund dieser Daten vermutet wird ist wirklich ein bisschen tricky zu erklären.
00:20:51: vielleicht sollte man es dann besser langsam und im eigenen Tempo in der Wochentats nachlesen.
00:20:56: Die neuesten Erkenntnisse dieser Forschung sind jetzt die dass die Konzepte Neurone miteinander verbunden sind und jede einzelne Neuronepusselteile von erlebnissen speichert und erst im Zusammenspiel mit anderen Konzeptneueronen Erinnerungen aktiviert.
00:21:12: Dann kommt darüber noch dazu, dass die Neueronnen mit weiteren Zellen zusammenarbeiten, die die Erinnerung in einen Kontext einwetten – also jetzt in Ort und Zeit zum Beispiel!
00:21:22: Und das führt dann zum Beispiel... Kannst
00:21:23: du mir das vielleicht mal an einem Beispiel erklären?
00:21:25: Ja, also ich kann dir jetzt gegenüber sitzen und dich als meine Kollegin erkennen weiß aber gleichzeitig auch wann wir uns ja zum ersten Mal begegnet sind Und trotzdem verliere ich jetzt nicht meine Orientierung in Raum und Zeit.
00:21:37: Und bin jetzt nicht ürgetiert davon, dass ich dir jetzt gegenüber sitze oder eben wo wir vor Jahren mal gewesen
00:21:43: sind.".
00:21:44: Okay!
00:21:45: Das heißt man weiß, wenn man jetzt ist?
00:21:47: Man weiß, wann man mit der Person war?
00:21:49: Man hat vielleicht eine Idee, wo man morgen miteinander hingeht so...
00:21:53: Ganz genau es wird jetzt vermutet das aufgrund dieser speziellen Art von Nervenzellen wie überhaupt erst die Möglichkeit zu haben abstrakt zu denken.
00:22:02: Also, dass wir die Zukunft planen können.
00:22:04: Dass wir die Vergangenheit erinnern können.
00:22:07: Das wir träumen können was nie geschehen wird ohne das sich dabei meine aktuell wahrgenommene Wirklichkeit auflöst.
00:22:13: Es könnte auch sein dass wir überhaupt erst dadurch eine komplexe Sprache entwickelt haben mit der ich genau diese abstrakten Gedanken kommunizieren kann.
00:22:21: Aber ja das sind alles erstmal nur Vermutungen an der die Forschung dann eben noch arbeiten muss
00:22:26: Und es ist ja auch so Viele Dinge wahrscheinlich vergessen, die wir wahrnehmen im Alltag oder?
00:22:33: Weil wir können es wahrscheinlich nicht alles abspeichen.
00:22:36: Wie funktioniert denn das in unserem Gedächtnis?
00:22:38: Ja also unsere Wahrnehmung und unserer Erinnerungen ist einfach unglaublich verzerrt wie wir nehmen ganz ganz eingeschränkt mit unseren paar fünf Sinn die Welt war.
00:22:47: Im Vergleich zu der Flut an Informationen jetzt die so aus der Umwelt in uns hinein prasseln kommen dann nur ein paar Reize.
00:22:54: durchaus den ja sich unser Gehirn dann irgendeine Geschichte zusammenreimt Und wie du sagst, es verwirft halt die Informationen auch das gesunde Gehirn.
00:23:03: Wenn sie's nicht für wichtig hält oder sie speichert sich mal kurz ab und vergisst sie danach wieder.
00:23:08: wenn wir etwas erleben oder erfahren dann bilden unsere Nervenzellen erst neue Verbindungen aus.
00:23:14: Und wenn ich diese Verbindung dann öfter nutze wachsen Sie und verstärken sich und werden dicker und dicker.
00:23:20: Wie ein Muskel den man regelmäßig trainiert würde ich mal so sagen.
00:23:23: Und dadurch sind uns manche Erinnerung oder auch Gefühle einfach bewusster Und andere Informationen gehen verloren, weil die Nervenverbindungen ungenutzt bleiben und dann vielleicht ausdünnen und verkümmern.
00:23:34: Zum Glück ist das so!
00:23:35: Weil wir würden ja wahrscheinlich... Man kann
00:23:37: sich gar nicht alles merken.
00:23:38: Genau wie wenn ihr irre werden, wenn wir immer alles wahrnehmen und erinnern könnten.
00:23:42: Das wäre die totale Hölle.
00:23:44: Aber gerade weil unser Gehirn eben so stark filtert und vergisst Kann man dem Hirn eigentlich nicht über den Weg trauen?
00:23:51: Und dass es genau das was wir aber tun.
00:23:53: Wir sind total davon überzeugt, dass unser Gehirn die Wirklichkeit exakt so wahrgenommen und gespeichert hat.
00:23:58: Was halt einfach nicht der Fall ist.
00:24:01: Okay das heißt jeder hat auch ein bisschen seine eigene Wahrheit?
00:24:04: Ja das ist so dieser klassische Ansatz vom Konstruktivismus, dass wir uns alles selber zusammenbauen und dann kann es natürlich zu fürchterlichen Missverständnissen mit anderen Menschen geben, die auch einen Gehirne haben und sich ihre Wahrheit zusammenbaut.
00:24:20: Wenn ich mich also mit jemandem streite, weil er dies und jenes gesagt hat oder getan hat, müsste ich mir immer wieder klarmachen.
00:24:26: Es ist mein sehr limitiertes Gehirn das gestern ein paar Buchstücke wahrgenommen hat daraus eine Geschichte zusammen gepustelt hat von der ich dann noch übrigens im schlaf auch noch die Hälfte vergessen habe.
00:24:37: Und dann stehe ich hier total selbst überzeugt und bin sauer auf jemanden Weil ich eben glaube genau zu wissen welche Ungerechtigkeit mir gestern wieder fahren sein soll.
00:24:46: ja Das klingt halt nach einem sehr, sehr alten, nach einer abstusen Fantasie sozusagen.
00:24:52: Ich glaube es hilft uns ganz gut wenn wir diese Selbstüberzeugung regelmäßig hinterfragen und wir uns einfach klar machen das unser Gehirn Märchen erzählt.
00:24:59: Stimmt!
00:25:00: Okay das heißt beim nächsten Streit erinnere ich mich daran dass ich vielleicht auch gar nicht richtig liege sondern mein Gehirnen mich belügt.
00:25:08: Bei der OP in Bonn bei der du dabei warst wie ist die denn dann ausgegangen?
00:25:13: Haben sie die Stellen gefunden die ihr im Hirn Da die Schwierigkeiten bereiten?
00:25:18: Also, die Elektroden haben das gesagt.
00:25:21: Wenn man das eben an einer Stelle findet und nicht am mehreren Stellen im Gehirn, dann kann man diesen Eingriff vornehmen und diese Stelle veröten.
00:25:28: Das ist auch so geschehen.
00:25:29: Und dann ist die Frau entlassen worden.
00:25:32: Und soweit ich informiert bin, ist sie auch bis auf weiteres Anfalls frei geblieben.
00:25:37: Es muss jetzt aber noch eine ganze Weile lang beobachtet werden um dann wirklich bestätigen zu können ob die Frau von der Epilepsie geheilt ist.
00:25:44: Wow!
00:25:45: Ja es ist... Wie sehr beeindruckend, dass das so ein besonderer Moment auch ist, wo dann Hirnforschung weitergehen kann.
00:25:51: Sie, ihre Krankheit wird behandelt und gleichzeitig gibt es da dieses offene Gehirn, wo die Forschenden plötzlich diese Chance bittern, noch mehr über unser Gedächtnis zu erfahren?
00:26:03: Wo ich jetzt auf jeden Fall im Gespräch mit dir erfahren habe, dass ich zu wenig darüber weiß...
00:26:08: Ja, das richtig!
00:26:08: ...
00:26:09: mich aber sehr darauf verlassen.
00:26:13: Philipp Danke, dass du für uns an diesem OP warst und uns davon berichtet
00:26:17: hast.
00:26:18: Dann danke, dass ich da sein konnte!
00:26:20: Bis bald!
00:26:21: Ciao!
00:26:24: Das wars wir diese Woche mit reingehen im Podcast der Wochentatz.
00:26:28: Wenn euch dieser Podcast gefällt, teilt ihn noch gerne mit Freunden und Familie.
00:26:33: Die Tats hat online keine Paywall.
00:26:35: Stattdessen gibt es das freiwillige Bezahlmodell Katz-Zahlig.
00:26:39: Mittlerweile unterstützen uns da schon fünfzigtausend Menschen freiwillig.
00:26:43: Falls ihr das auch tun wollt findet ihr den Link in den Shownotes.
00:26:47: Zu guter Letzt, danke an Daniel Fromm für den Schnitt.
00:26:50: wie immer und bis zum nächsten Mal!
00:27:15: Das war du.
00:27:21: Siehst du, das ist schwierig dann zu kommen?
00:27:23: Zu diesen verzehrten Erinnerungen.
00:27:26: So?
00:27:26: Glaubst gut!
00:27:27: Ja ich stoppe jetzt mal hier die
00:27:28: Aufzeichnung.
00:27:29: Sind wir jetzt noch?
00:27:30: Nehmen wir gerade nur rauf.
00:27:31: Ich hab jetzt Tschüss gesagt.
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